Historische Persönlichkeiten

1864 - 1984

Generalkonsul Carl Lutz (1895 - 1975)

Seit dem 17. September 1978 erinnert eine Gedenktafel an der Kirche an Generalkonsul Carl Lutz, den Walzenhausen am 1. August 1963 zum Ehrenbürger ernannte. Seit April 2019 ist zudem beim Geburtshaus (Wilen 404) eine Erinnerungstafel zu seinen Ehren angebracht. Am 30. März 1895 als Sohn von Steinbrecher Johannes Lutz, Wilen, geboren, studierte der gelernte Kaufmann am Central Wesleyan College in Warenton (Missouri, USA). 1920 begann er in der Schweizer Gesandtschaft von Washinton seine diplomatische Laufbahn, die ihn nach Einsätzen in Philadelphia und Tel Aviv am 2. Januar 1942 nach Ungarn führte. Als der Einmarsch deutscher Truppen (1944) zur rassischen Verfolgung führte, setzte sich C. Lutz im Rahmen einer grossangelegten Rettungsaktion mit ganzer Kraft für die Rettung bedrängter Juden ein, die er unter Lebensgefahr mit Schutzpässen versorgte. Schätzungsweise 50'000 Angehörige des jüdischen Volkes überlebten dank seiner unerschrockenen Hilfe. Dr. Carl Lutz verstarb am 13. Februar 1975 in Bern.

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Jakob Künzler, Vater der Armenkinder (1871 - 1949)

Gegenüber der Kirche weist ein Gedenkstein auf das segensreiche Wirken von Bürger Jakob Künzler (1871-1949) hin. Als Zimmermann, Diakon und späterer Dr. med. h.c. setzte er sich in Kleinasien für Bedrängte ein, um im Missionsspital von Urfa (Türkei) bald schwierige Operationen mit Erfolg durchzuführen. Nach dem Krieg nahm er sich der von Hunger und Massakern bedrohten armenischen Flüchtlingen in so selbstloser Weise an, dass er zum "Vater der Armenkinder" wurde. Als mit amerikanischer Hilfe rund 30'000 Waisenkinder nach Syrien und dem Libanon gerettet werden konnten, wurde er zum Leiter eines riesigen Waisenhauses nach Ghazir im Libanon berufen. Selbst als er nach der Amputation seines rechten Armes schwer behindert war, liess er nicht nach: Er leitete den Aufbau einer Wohnkolonie für Flüchtlingswaisen, gründete ein Sanatorium für Lungenkranke auf dem Libanon und ein grosses Blindenheim in Ghazir. Für seine erstaunliche Lebensleistung verlieh ihm die medizinische Fakultät der Universität Basel 1947 den Ehrendoktortitel.

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Ehrenbürger Ulrich Jüstrich (1903 - 1985)

Am 1. Juli 1930 gründete Ulrich Jüstrich in der ehemaligen Stickerei seines Vaters die heutige JUST Schweiz AG mit dem Vertrieb von auswärts gefertigten Bürsten. Vorerst wirkte er als Vertreter, Spediteur und Buchhalter zugleich, bis er zwei Jahre später die Produktion von eigenen Bürsten in Walzenhausen aufnahm. Für Ulrich Jüstrich verwirklichte sich damit ein grosser Traum, indem er für die ehemaligen Mitarbeiter seines Vaters sichere Arbeitsplätze schaffte. 1941 folgte die Entwicklung und Produktion der ersten Körperpflege- und Haushaltsprodukte unter dem Markennamen JUST.

 

Anlässlich des 1955 gefeierten 25-jährigen Bestehens des Unternehmens, das für Walzenhausen zu den wenigen Lichtblicken in schwerer Zeit gehörte, wurde Ulrich Jüstrich und seiner Familie das Ehrenbürgerrecht verliehen. Ulrich Jüstrich hat sich mit der Gründung weiterer Firmen um die Wiederbelebung der örtlichen Wirtschaft grosse Verdienste erworben und tatkräftig setzte er sich auch im Gemeinde- und Kantonsrat (in den Jahren 1958/59 als Präsident) für die Öffentlichkeit ein. Der Gründer der heute von der dritten Generation geführten JUST verstarb am 3. Dezember 1985 im 83. Lebensjahr.

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Schützenkönig Emil Kellenberger (1864 - 1943)

Mit seinen schiesssportlichen Spitzenleistungen lenkte Emil Kellenberger das Interesse der grossen Welt auf Walzenhausen. 1864 geboren, war er vorerst als Rideauxfabrikant tätig, ehe er später das kurz nach der Jahrhundertwende von A. Künzler-Weilemann erbaute "Türmlihaus" erwarb, um den hier eingerichteten "Grand Bazar" weiterzuführen und sich als Sektionschef zu betätigen. 1897 Schützenkönig am Kantonalen in Bern, holte er sich  1898 den gleichen Titel in Neuenburg. 1899 klassierte er sich als Zweiter an der Weltmeisterschaft in Den Haag, um dann im Jahre 1900 in Paris Olympiasieger und Weltmeister zu werden. 1901 verteidigte er den Titel erfolgreich in Luzern, und 1902 hiess es auch in Rom: Emil Kellenberger, Weltmeisterschütze. Der Chronist schreibt: "Nicht nur im Stehendschiessen, sondern in allen Übungen zusammen (je 40 Schüsse stehend, kniend und liegend) ist er als Meisterschütze proklamiert worden." 1903 beteiligte sich Kellenberger am internationalen Match in Buenos Aires, um mit einem weiteren Weltmeister-Titel nach Hause zurückzukehren. Das Olympiagewehr ist seit 2018 im Besitz der Gemeinde Walzenhausen und im Gemeindehaus ausgestellt.

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Paul Vogt (1900 - 1984)

1929 und damit mitten in den Kriesenjahren trat Paul Vogt das Pfarramt in Walzenhausen an. Die einseitige Ausrichtung auf die darniederliegende Textilindustrie hatte an seinem neuen Wirkungsort zu besonders vielen Arbeitslosen geführt. Fürs Jahr 1931 kommentierte der Chronist resigniert: "Im Osten nichts Neues. Man wurstelt so weiter in stumpfer Ergebung in das Unvermeidliche, das uns ja nicht allein trifft, deshalb aber nur umso schlimmer ist." Für den neuen Pfarrherrn war es ein dringendes Anliegen, den Arbeitslosen eine sinnvolle Aufgabe zu vermitteln und für Weiterbildung zu sorgen. Mit Gleichgesinnten (darunter Clara Nef, Präsidentin der appenzellischen Frauenzentrale und des Bundes schweizerischer Frauenvereine, Herisau) kam es am 19. August 1931 zur Gründung des appenzellischen Hilfswerks für Arbeitslose, dem Paul Vogt als Präsident vorstand. Nun wurden Kurse durchgeführt (u.a. Gartenbau), die bei den Teilnehmern grossen Anklang fanden. Die Öffentlichkeit reagierte vorerst skeptisch bis ablehnend. Zuständigenorts aber wurde der Wert der privaten Initiative erkannt, und bereits 1934 wurden Bundessubventionen ausgerichtet. 1933 bot sich dem Komitee die Möglichkeit, das Bauern- und Stickerhaus Nr. 78 aus der Erbmasse Arnold Rohner im Obergütli (heutiges Haus 2) zu erwerben: Das evangelische Sozialheim Sonneblick war geboren.

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